Frauen in Deutschland verdienen im Durchschnitt 18 Prozent weniger als Männer – bei gleicher Qualifikation und vergleichbarer Tätigkeit sind es immer noch sechs bis sieben Prozent weniger. Das bedeutet: Eine Frau arbeitet rechnerisch 66 Tage im Jahr umsonst, während ein Mann mit identischer Arbeit dafür bezahlt wird. Diese Lücke schrumpft seit Jahren – aber langsam. Zu langsam. Und während politische Maßnahmen nötig sind, um den strukturellen Pay Gap zu schließen, gibt es Dinge, die du persönlich tun kannst, um dein eigenes Gehalt an das anzupassen, was du verdienst.
Die Ursachen: Es ist kompliziert – aber nicht so kompliziert, wie manche behaupten
Der unbereinigte Gender Pay Gap (18 Prozent) erklärt sich teilweise durch strukturelle Unterschiede: Frauen arbeiten häufiger in schlechter bezahlten Branchen (Pflege, Erziehung, Einzelhandel), arbeiten häufiger in Teilzeit (49 Prozent der Frauen vs. 12 Prozent der Männer) und unterbrechen ihre Karriere häufiger für Kinderbetreuung. Der bereinigte Pay Gap (sechs bis sieben Prozent) bleibt übrig, wenn man all diese Faktoren herausrechnet – und er ist reiner Verdienstunterschied bei gleicher Arbeit, gleicher Qualifikation und gleicher Position. Dieser bereinigte Gap ist nicht durch Branchenwahl oder Teilzeit erklärbar – er ist Diskriminierung, ob bewusst oder unbewusst.
Aber auch der unbereinigte Gap ist kein Naturgesetz: Frauen arbeiten nicht in der Pflege, weil sie es unbedingt wollen, sondern weil gesellschaftliche Erziehung sie dorthin lenkt. Frauen arbeiten nicht in Teilzeit, weil sie weniger arbeiten wollen, sondern weil die Kinderbetreuungsinfrastruktur sie dazu zwingt. Und Frauen unterbrechen ihre Karriere nicht freiwillig, sondern weil ein Partner sagt: Du verdienst weniger, also bleibst du zuhause – ein Teufelskreis, in dem der Pay Gap sich selbst reproduziert. Zum Thema Gehalt auch unser Gehaltsverhandlungs-Ratgeber.
Was du persönlich tun kannst
Verhandele dein Gehalt – und zwar regelmäßig. Studien zeigen, dass Frauen seltener verhandeln als Männer und bei Verhandlungen niedrigere Forderungen stellen. Das liegt nicht an mangelndem Selbstbewusstsein (obwohl das eine Rolle spielt), sondern an der berechtigten Angst, als schwierig oder unverschämt wahrgenommen zu werden – ein Doppelstandard, der Männern nicht widerfährt. Trotzdem: Nicht zu verhandeln ist die teuerste Entscheidung deiner Karriere. Eine einzige erfolgreiche Gehaltsverhandlung (fünf Prozent mehr Gehalt bei einem Einkommen von 45.000 Euro) bringt dir über ein Berufsleben von 35 Jahren mit Zinseszins über 100.000 Euro mehr Lebenseinkommen.
Informiere dich über dein Marktwertgehalt: Plattformen wie Glassdoor, Kununu, Gehalt.de und StepStone zeigen, was in deiner Branche, Position und Region gezahlt wird. Das Entgelttransparenzgesetz gibt dir seit 2018 das Recht, in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern zu erfahren, was deine männlichen Kollegen in vergleichbarer Position verdienen. Nutze dieses Recht – es wurde für dich geschaffen. Und: Sprich über Geld. Das Tabu, über Gehälter zu reden, nützt nur dem Arbeitgeber. Je mehr Frauen wissen, was ihre Kollegen verdienen, desto schwerer wird es für Arbeitgeber, die Lücke aufrechtzuerhalten.
Fazit: Der Pay Gap schließt sich nicht von allein – er schließt sich, wenn du ihn schließt
Verhandele, informiere dich, sprich über Geld und dulde keine Unterbezahlung. Jede Frau, die ihr Gehalt erfolgreich verhandelt, verändert nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die Norm in ihrem Unternehmen. Der Gender Pay Gap ist ein gesellschaftliches Problem – aber dein persönliches Gehalt ist ein persönliches Problem, das du lösen kannst. Fang beim nächsten Jahresgespraech an.


