Du zahlst seit Jahren in deine Riester-Rente ein, bekommst einmal im Jahr einen Kontoauszug mit deprimierend niedrigem Guthaben und fragst dich: Lohnt sich das überhaupt noch? Soll ich kündigen und das Geld in einen ETF stecken? Die Antwort ist leider nicht so einfach wie ja oder nein – sie hängt von deiner persönlichen Situation ab. Für manche Menschen ist Riester trotz aller Kritik das beste Vorsorgeprodukt, für andere ist es Geldvernichtung. Hier ist die Entscheidungshilfe, die dein Bankberater dir nie geben wird, weil er an deinem Vertrag verdient.
Wie Riester funktioniert – und warum die Kritik berechtigt ist
Die Riester-Rente ist eine staatlich geförderte private Altersvorsorge: Du zahlst einen Eigenbeitrag (maximal vier Prozent deines Bruttoeinkommens minus Zulagen, mindestens 60 Euro im Jahr für volle Förderung), der Staat legt Zulagen drauf (175 Euro Grundzulage, 185 Euro pro Kind, 300 Euro pro Kind ab 2008 geboren) und du bekommst zusätzlich den Steuervorteil als Sonderausgabenabzug. Im Alter wird die Rente versteuert – aber in der Regel zu einem niedrigeren Steuersatz als während des Berufslebens. Das Prinzip klingt gut – die Umsetzung ist das Problem.
Die Kosten vieler Riester-Verträge sind extrem hoch: Abschlussprovisionen (oft 2.000 bis 4.000 Euro, verteilt auf die ersten fünf Jahre), laufende Verwaltungskosten (ein bis zwei Prozent jährlich) und intransparente Fondskosten fressen einen großen Teil der Rendite auf. Manche Verträge haben nach 15 Jahren weniger Guthaben als die Summe der eingezahlten Beiträge und Zulagen – die Kosten haben die Förderung aufgefressen. Dazu kommt die Beitragsgarantie: Der Anbieter muss garantieren, dass du mindestens deine eingezahlten Beiträge plus Zulagen zurückbekommst – das zwingt ihn in sichere, aber renditechwache Anlagen (Anleihen statt Aktien), besonders wenn du älter wirst. Zum Thema Altersvorsorge auch unser ETF-Ratgeber.
Für wen sich Riester trotzdem lohnt
Riester lohnt sich am meisten für: Familien mit Kindern (300 Euro Kinderzulage pro Kind und Jahr ist geschenktes Geld – bei zwei Kindern nach 2008 sind das 600 Euro plus 175 Euro Grundzulage = 775 Euro jährliche Förderung, auch wenn du nur den Mindestbeitrag von 60 Euro zahlst). Geringverdiener (60 Euro Eigenbeitrag, 175 Euro Zulage vom Staat – eine Rendite von 290 Prozent auf deinen Einsatz, die kein ETF der Welt bietet). Gutverdiener mit hohem Steuersatz (der Sonderausgabenabzug bringt bei einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent eine erhebliche Steuerersparnis, die über die Zulage hinausgeht).
Riester lohnt sich weniger für: Kinderlose mit mittlerem Einkommen (die Zulagen sind gering, die Kosten hoch und ein ETF-Sparplan bringt nach Kosten mehr Rendite). Selbständige (haben in der Regel keinen Anspruch auf Riester). Menschen mit bereits teurem Altvertrag und wenigen Jahren bis zur Rente (die hohen Kosten haben die Rendite bereits vernichtet, und die verbleibende Laufzeit reicht nicht, um das aufzuholen).
Kündigen oder beitragsfrei stellen: Was klüger ist
Kündigung ist fast immer die schlechteste Option: Du musst alle Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen – und bei einem Vertrag mit 10.000 Euro Guthaben, von dem 4.000 Euro Zulagen und 2.000 Euro Steuervorteile sind, bleiben dir nach Rückzahlung nur 4.000 Euro. Besser: Beitragsfrei stellen – du zahlst nichts mehr ein, der Vertrag läuft mit dem vorhandenen Guthaben weiter und du behältst alle Zulagen und Steuervorteile. Die Zulagen für die Zukunft fallen weg, aber das bisherige Guthaben bleibt dir erhalten. Noch besser: Anbieterwechsel – du kannst den Vertrag zu einem günstigeren Anbieter übertragen (z. B. zu einem ETF-basierten Riester-Vertrag mit niedrigen Kosten) und weiter einzahlen, um die Zulagen zu behalten.
Fazit: Nicht blind kündigen – aber auch nicht blind weiterzahlen
Prüfe deinen Vertrag: Wie hoch sind die jährlichen Kosten? Wie hoch ist das aktuelle Guthaben im Verhältnis zu den Einzahlungen plus Zulagen? Wie viel Zulagen bekommst du jährlich? Wenn die Zulagen deine Kosten deutlich übersteigen (typisch bei Familien mit Kindern und Geringverdienern): Behalten und weiterzahlen. Wenn die Kosten die Zulagen auffressen (typisch bei kinderlosen Mittel- bis Gutverdienern mit teurem Altvertrag): Beitragsfrei stellen und das Geld stattdessen in einen ETF-Sparplan investieren. Nie kündigen, wenn du es vermeiden kannst – die Zulagenrueckzahlung macht die Kündigung fast immer zum Verlustgeschäft.


