Irgendwann kommt der Punkt, an dem du überlegst, abzustillen – und sofort beginnt das schlechte Gewissen: Ist es zu früh? Schade ich meinem Kind? Was sagen die anderen Mütter? Die Wahrheit ist: Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt zum Abstillen. Die WHO empfiehlt Stillen bis zum zweiten Lebensjahr und darüber hinaus – aber das ist eine globale Empfehlung, die Länder einschließt, in denen sauberes Wasser und nahrhafte Beikost nicht selbstverständlich sind. In Deutschland ist dein Kind mit sechs Monaten Beikost und Pre-Nahrung hervorragend versorgt, und der richtige Zeitpunkt zum Abstillen ist der, an dem du und dein Kind bereit sind – nicht der, den Instagram-Mütter oder Stillberaterinnen vorgeben.
Sanftes Abstillen: Schritt für Schritt statt über Nacht
Abruptes Abstillen (von heute auf morgen nicht mehr stillen) ist für beide Seiten belastend: Deine Brust wird prall, schmerzhaft und riskiert einen Milchstau, und dein Kind verliert plötzlich seine wichtigste Troest- und Nahrungsqülle. Sanftes Abstillen dauert zwei bis sechs Wochen und folgt dem Prinzip: Eine Stillmahlzeit nach der anderen ersetzen. Starte mit der Mahlzeit, an der dein Kind am wenigsten hängt (meist die Mittagsmahlzeit) und ersetze sie durch eine Beikost-Mahlzeit oder ein Fläschchen. Warte drei bis fünf Tage, bis sich Brust und Kind an die neue Situation angepasst haben, dann ersetze die nächste Mahlzeit.
Die letzte Mahlzeit, die du ersetzt, ist in der Regel die Abend- oder Nachtmahlzeit – sie ist emotional am stärksten verknüpft (Einschlafen an der Brust, nächtliches Trösten). Für das nächtliche Abstillen: Der Partner übernimmt das nächtliche Beruhigen (Wasser anbieten, Kuscheln, Singen – alles außer Stillen). Die ersten drei Nächte sind hart – danach wird es schnell besser, weil das Kind neue Einschlafrituale akzeptiert. Wichtig: Ersetze die Nähe, nicht nur die Nahrung – Stillen ist für das Kind nicht nur Essen, sondern auch Trost, Sicherheit und Körperkontakt. Biete in der Abstillphase besonders viel Kuscheln, Tragen und Hautnaehe an. Zum Thema Stillen auch unser Still-Ratgeber.
Was in deinem Körper passiert – und wie du dich um dich kümmerst
Beim Abstillen fällt das Hormon Prolaktin (das die Milchproduktion steuert) und Oxytocin (das Bindungshormon) – das kann zu Stimmungsschwankungen, Traurigkeit und sogar depressiven Verstimmungen führen, die viele Frauen überraschen. Diese Post-Weaning-Depression ist hormonell bedingt und hat nichts damit zu tun, dass du die falsche Entscheidung getroffen hast. Sie geht in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen vorbei, wenn sich der Hormonhaushalt normalisiert. Wenn sie länger anhält oder sehr intensiv ist, sprich mit deinem Arzt.
Deine Brust: Langsames Abstillen gibt der Brust Zeit, die Milchproduktion herunterzufahren. Wenn die Brust trotzdem spannt und schmerzt: Kühle Kompressen (Quarkwickel, Kuhlpads), einen gut sitzenden BH tragen und nur so viel Milch ausstreichen, dass der Druck nachlässt – nicht komplett abpumpen, sonst signalisierst du dem Körper, weiter zu produzieren. Pfefferminz- und Salbeitee wirken leicht milchhemmend und können den Prozess unterstützen.
Fazit: Abstillen ist kein Abschied – es ist ein Übergang
Ob du mit sechs Monaten, mit einem Jahr oder mit zwei Jahren abstillst – die Entscheidung liegt bei dir und deinem Kind, nicht bei der Gesellschaft. Sanft, schrittweise und mit viel Nähe – so gelingt der Übergang für beide Seiten. Und wenn du dich schlecht fühlst: Du hast dein Kind gestillt, so lange du konntest und wolltest. Das ist genug. Mehr als genug.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Er stellt keine medizinische Empfehlung dar. Bei gesundheitlichen Beschwerden, vor der Einnahme von Präparaten sowie in Schwangerschaft und Stillzeit wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke. Im Notfall wähle den Notruf 112. Trotz sorgfältiger Recherche kann für die Aktualität und Vollständigkeit der Angaben keine Gewähr übernommen werden.


