Dein Baby schreit – nicht ein bisschen, nicht kurz, sondern stundenlang, jeden Abend, untroestlich, das Gesicht rot, die Faeustchen geballt, die Beinchen angezogen. Du hast alles versucht: Stillen, Tragen, Wiegen, Singen, Baden, Autofahren – nichts hilft oder alles hilft nur fuer fuenf Minuten. Willkommen in der Hoelle der Dreimonatskoliken. Sie betreffen 15 bis 25 Prozent aller Neugeborenen, beginnen meistens in der zweiten bis dritten Lebenswoche und hoeren – das ist die einzige gute Nachricht – nach drei bis vier Monaten genauso mysterioees wieder auf, wie sie angefangen haben.
Was Koliken wirklich sind – und was nicht
Die Wissenschaft weiss trotz jahrzehntelanger Forschung nicht sicher, was Koliken verursacht – und ehrlich gesagt ist der Begriff Koliken irrefuehrend, weil er Bauchkraempfe suggeriert, obwohl der Zusammenhang mit dem Magen-Darm-Trakt keineswegs bewiesen ist. Die Wessel-Kriterien definieren Koliken als: Weinen von mehr als drei Stunden am Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, ueber mehr als drei Wochen – die Dreierregel. Aber in der Realitaet zaehlt keine Mutter die Stunden mit der Stoppuhr – wenn dein Baby regelmaessig untroestlich schreit und du am Rande des Zusammenbruchs bist, ist es eine Kolik, egal ob es zweieinhalb oder dreieinhalb Stunden sind.
Moegliche Erklaerungen (keine bewiesene Ursache): Unreifes Verdauungssystem (Blähungen, Gasbildung – deshalb hilft Bauchemassage manchmal), Reizueberflutung (das Baby hat den ganzen Tag Sinneseindruecke aufgenommen und kann sie abends nicht mehr verarbeiten – deshalb schreien Kolik-Babys fast immer am spaeten Nachmittag und Abend), ein unreifes Nervensystem (das Baby kann sich selbst noch nicht beruhigen und braucht aeussere Regulation, die irgendwann nicht mehr reicht) und in seltenen Faellen eine Kuhmilcheiweissallergie (wenn die stillende Mutter Milchprodukte isst oder das Baby Milchnahrung bekommt – ein zweiwöchiger Auslassversuch kann Klarheit bringen). Zum Thema Baby auch unser Zahn-Ratgeber.
Was du tun kannst – fuer dein Baby und fuer dich
Fuer das Baby: Tragen (im Tragetuch oder der Trage – die enge Koerpernaehe und die Bewegung beruhigen viele Kolik-Babys), Pucken (festes Einwickeln in ein Tuch – simuliert die Enge des Mutterleibs), weisses Rauschen (Foehen, Staubsauger, Waschmaschine, White-Noise-App – der monotone Sound uebertönt die Reizueberflutung), Fliegergriff (Baby baeuchlings auf den Unterarm legen, Koepfchen in der Armbeuge – der Druck auf den Bauch kann Blaehungen lindern) und rhythmisches Wiegen oder Hüpfen auf einem Gymnastikball. Entschaumungsmittel (Sab simplex, Lefax) koennen bei Blaehungen helfen – sie sind fuer Saeuplinge sicher, aber die Wirksamkeit ist in Studien nicht eindeutig belegt. Probiotika (Lactobacillus reuteri) zeigen in neueren Studien eine moderate Reduktion der Schreizeit bei gestillten Babys – einen Versuch wert.
Fuer dich – und das ist mindestens genauso wichtig: Hilfe annehmen. Jede Stunde, die jemand anderes das schreiende Baby uebernimmt, ist eine Stunde, in der du durchatmen, weinen oder schlafen kannst. Partner, Grosseltern, Freundinnen, Nachbarn – jetzt ist die Zeit, um Hilfe zu bitten, nicht die Zeit fuer Stolz. Und wenn niemand da ist und du merkst, dass du die Beherrschung verlierst: Das Baby sicher ablegen (Bettchen, Laufstall), den Raum verlassen und fuenf Minuten durchatmen. Dem Baby passiert nichts, wenn es fuenf Minuten allein schreit – dir kann etwas passieren, wenn du ueberlastet bist und die Kontrolle verlierst. Schuetteltrauma ist die Folge von ueberforderten Eltern, nicht von schlechten Eltern – und die Praevention heisst: Pause machen, bevor es zu viel wird.
Fazit: Es hoert auf – versprochen
Dreimonatskoliken sind die haerteste Phase der fruehen Elternschaft – und sie gehen vorbei. Bei den meisten Babys endet das Schreien zwischen dem dritten und vierten Monat, bei manchen frueher, bei wenigen spaeter. Halte durch, nimm Hilfe an, mach Pausen und erinnere dich an den schlechten Abenden: Morgen frueh wird dein Baby dich anlacheln, als waere nichts gewesen. Und irgendwann wirst du diese Phase vergessen haben – oder sie als Uebeltungsgeschichte erzaehlen, die andere Eltern nicken laesst.


